Der Kitzbüheler Schützenverein bei der Grabwache © Michael Werlberger
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15|Apr Bibel hautnah: Die Grabwache am Karsamstag

Bis in die 1970er Jahre war es Brauch der Kitzbüheler Schützenkompanie, am Karsamstag die Grabwache in der Pfarrkirche abzuhalten. Seit einigen Jahren treffen sich wieder sechs heimische Traditionsvereine, um Jesu Leichnam zu bewachen. Dabei schlüpfen sie in die Rolle der Römer – ein Brauch, der im Lauf der Zeit nicht nur Freunde hatte und nur noch sehr selten gelebt wird.

Jedes Jahr verwandelt sich der Altarraum der Kitzbüheler Pfarrkirche am Karsamstag für wenige Stunden in eine steinerne Landschaft. Ein großer Fels in der Mitte, direkt vor dem Altar, symbolisiert das Grab Jesu Christi. Neben Blumen und Kerzen stehen vier Männer. Zusammen mit Kollegen, die sie später ablösen werden, absolvieren sie den alten Brauch der Grabwache. „Das stammt aus der Heiligen Schrift“, erklärt Leo Moser,  Obmann der Kitzbüheler Kaiserjäger. „Die Römer haben ja nach dem Tod Jesu das Grab bewacht, um zu verhindern, dass der Leichnam von seinen Jüngern gestohlen wird“, ergänzt Josef Profanter, Obmann des Vereins der Südtiroler in Kitzbühel. Um diese biblisch bekundete Situation auch heute ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rufen, treffen sich am Karsamstag Mitglieder von sechs Kitzbüheler Traditionsvereinen zur gemeinsamen Grabwache.

Die Kitzbüheler Kaiserjäger bei der Grabwache in der Pfarrkirche © Michael Werlberger
Die Kitzbüheler Kaiserjäger bei der Grabwache in der Pfarrkirche © Michael Werlberger

 

„Ursprünglich haben das die Schützen gemacht, bis die Grabwache in den 1970er Jahren vom damaligen Pfarrer abgeschafft worden ist“, erzählt Leo Moser, „er hielt sie nicht mehr für zeitgemäß und wollte niemanden in der Kirche mit Waffen stehen haben.“ Die Schützen wachten nämlich nicht nur in ihrer historischen Uniform, sondern auch mit dem Gewehr bei Fuß. „Heute stört sich daran aber niemand mehr“, so Leo Moser weiter. Seit dem Jahr 2010, als die Grabwache auf seine Initiative hin wieder eingeführt worden war, halten auch die Kaiserjäger mit Säbel oder Bajonett und die „Trachtler“ mit ihren Lanzen Wache. „Nur die Südtiroler haben ausschließlich die Faust“, scherzt der pensionierte Polizist.

Sechs Stunden lebendige Tradition

Insgesamt teilen sich die Kaiserjäger, die Schützenkompanie, der Trachtenverein, der Verein der Südtiroler, die Gilde und der Kameradschaftsbund – alle in ihrer Tracht bzw. Uniform – die Grabwache auf. Von neun Uhr am Vormittag bis 15 Uhr wechseln sie sich im halbstündigen Intervall ab. „Länger als 30 Minuten ganz still und ernst in der Habt-Acht-Stellung zu stehen, ist nicht so angenehm“, schildert Leo Moser. „Es sind teilweise auch ältere Herren dabei und das zieht sich dann schon sehr lang“, ergänzt Josef Profanter.

Angeblich gibt es auch verschiedene Methoden zum Zeitvertreib. Es werden Sekunden, Bankreihen oder Menschen gezählt. Dank Letzterem wissen die beiden, wann der Andrang unter den Zuschauern am größten ist. „Mittlerweile hat sich schon bisschen herumgesprochen, was wir machen. Darum sind nicht nur Gläubige während unserer Wache in der Kirche, sondern auch Gäste. Ab 12 Uhr ist schon etwas mehr los“, berichtet Josef Profanter von den letzten Jahren. Wenn um 14.30 Uhr alle Vereine zu einer letzten gemeinsamen Schicht einmarschieren, war die Kirche oft gut gefüllt.

Die sechs Traditionsvereine beim Schlusseinzug zum finalen Dienst © Josef Profanter
Die sechs Traditionsvereine beim Schlusseinzug zum finalen Dienst © Josef Profanter

 

Um Punkt 15 Uhr tritt die Wache ab, das Grab wird abgebaut und die Kirche für die abendliche Osternachtfeier vorbereitet. Obwohl der Karsamstag eigentlich ein strenger Fasttag ist, dürfen sich die Mitglieder der Grabwache nach ihrem „Dienst“ mit einer ausgiebigen Stärkung belohnen. „Besonders lustig ist die ernste Wache natürlich nicht. Dafür geht es danach bei der Jause der Gemeinde wieder viel lockerer und lustiger zu“, freut sich Josef Profanter. Viele kommen an diesem Tag aber nicht in den Genuss einer vorösterlichen Jause, denn der Brauch der Grabwache wird fast nur im Bezirk Kitzbühel gelebt. „St. Johann, Going, Schwaz und Kufstein haben auch eigene Gräber. Manche nehmen aber nur Holzfiguren als Sinnbild für Wächter und stellen keine Menschen ab“, berichtet der Kaiserjäger. Vereinzelt finden sich auch Grabwachen in Niederösterreich und Salzburg.

Alter Brauch – neues Grab

Obwohl die Tradition viele Jahrhunderte zurückgeht, ist die Kitzbüheler Grablandschaft im Vergleich relativ neu. Denn als 2010 die Wache wieder eingeführt worden ist, mangelte es an einem Grab. „Ursprünglich standen wir an einem kleinen Grab beim Seitenaltar, aber das hat dem Pfarrer nicht gefallen, weil es so versteckt war“, erzählt Leo Moser. Kurzerhand hat Pfarrer Michael Struzynski seine Schwester gebeten, ein neues Grab zu gestalten, das den Altar umrundet. „Sie ist Bühnenbildnerin am Salzburger Landestheater, also ein Profi in diesem Bereich. Zwei Jahre später sind wir das erste Mal mit der großen neuen Grablandschaft in der Mitte gestanden“, erzählt Leo Moser stolz.

Der Verein der Südtiroler bei der Schlusswache, flankiert von den Grabwächtern der anderen Vereine © Michael Werlberger
Der Verein der Südtiroler bei der Schlusswache, flankiert von den Grabwächtern der anderen Vereine © Michael Werlberger

 

Dem seltenen Brauch der lebendigen Grabwache kann am Karsamstag, dem 20. April 2019, von 9 bis 15 Uhr in der Pfarrkirche Kitzbühel beigewohnt werden. Sprechen ist den Grabwächtern übrigens nicht erlaubt, aber eine Tafel im hinteren Teil der Kirche enthält Informationen über die einzelnen Vereine und ihre Trachten bzw. Uniformen.

 

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